Biographie
Christof Stählin wurde am 18. Juni 1942 als mittleres von drei Geschwistern in Rothenburg ob der Tauber geboren. Er wuchs in Mittelfranken und München auf. Seine Mutter Ruth, geb. Pfahler, entstammte einer Kaufmannsfamilie, sein Vater Rudolf war – in langer Familientradition – evangelischer Theologe. Kirchenmusik bestimmte Christof Stählins musikalische Prägung ebenso wie das folkloristische Liedgut, das er als Mitglied bündischer Jugendgruppen kennenlernte.
1964-74: Vom Liedersammler zum Liedermacher
Stählin studierte evangelische Theologie, Religionswissenschaften, Völkerkunde und Soziologie in Marburg, Bonn und schließlich Tübingen. Daneben begann er eine Bühnenkarriere als Gitarrenbegleiter des Tenors Michael Wachsmann. Das Repertoire des Duos bestand anfangs aus Liedern des Frühbarocks, wurde aber stetig erweitert; sowohl um zeitgenössisches Repertoire, als auch um Eigenvertonungen der Gedichte Johann Christian Günthers, die Stählin 1967 für sich entdeckte. Ab 1964 tourte das Duo überregional und gastierte 1965 bis 68 alljährlich beim Burg Waldeck-Chansonfestival. Parallel hierzu sammelte Stählin Auftrittserfahrungen als Solist und tourte zeitweise mit Hannes Wader.
Als Wachsmann 1970 die Zusammenarbeit aufkündigte und Tübingen verließ, verfügte Stählin auch schon über ein abendfüllendes Solo-Repertoire; sein erstes Lied "Charlies Garten" erschien bereits 1964 – gedruckt in einem Liederheft vom Bund deutscher Jungenschaften, weitere folgten in Liederbüchern des (ebenfalls bündisch orientierten) Voggenreiter-Verlags. Erste Aufnahmen wurden ab 1967 verstreut auf Samplern und auf kleinformatigen Schallplatten der Label xenophon, THOROFON und dk-disc veröffentlicht. Erst Ende 1973 erschien bei Intercord-xenophon die Debüt-LP "Privatlieder", für die Stählin aus einem Repertoire aus 10 Jahren schöpfen konnte. Darunter befanden sich Momentaufnahmen aus dem Leben der Tübinger Bohème (z.B. "Der Müßiggänger"), dadaistische und surreale Gedankenspiele (z.B. "Ein Skelett liebt ein Skelett") und jede Menge satirische Sticheleien, die sich gleichermaßen gegen bürgerliche Verkrustung (z.B. "Mein Gott") wie gegen ideologische Phrasen der akademischen Linken richteten (z.B. "Mein Freund will alles anders machen").
1975-80: Selbstverleger, Ensemblegründer & Dandy
Ernüchtert von Intercords Firmenethik und Vertriebsservice gründete Stählin 1975 mit seiner Partnerin Silvia Specht den Verlag NOMEN+OMEN, um seine künftigen Schallplatten und Bücher in Eigenregie herauszubringen; als erstes 1976 die LP "Lieder für Andere". Noch im selben Jahres wurde Stählin – neben Gert Fröbe, Ortrud Beginnen und EMIL – mit dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnet. Die Preisverleihung wurde 1977 im ZDF ausgestrahlt; der Moderator Hanns Dieter Hüsch und die Laudatoren Schobert & Black waren ehemalige Waldeck-Kollegen.
Bereits 1975 gründete Stählin mit dem Baseler Trompeter Edward Tarr das Duo Fanfare der Poesie, um seine Vertonungen barocker Lyrik auf die Bühne zu bringen. 1977 erschien, koproduziert vom DRS Studio Bern, das erste Album mit Johann-Christian-Günther-Liedern. 1978 erweiterte man sich um den Bassisten und Cellisten Martin Bärenz zum Trio. Das erste gemeinsam eingespielte Album "Das Einhorn" wurde mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet, nicht zuletzt wegen des enthaltenen Stücks "Kaiserquartett & Deutschlandlied", Stählins Trostrede an die deutsche Nationalhymne, gesprochen zur Begleitung auf der Weißgerber Laute.
Unter dem Titel "Tübinger Denk-Weisen" drehte der befreundete Regisseur Georg Felsberg ein Künstlerportrait Stählins für den 3. Fernsehkanal des SWF. Dasselbe Team produzierte in den nächsten Jahren zahlreiche Film-Glossen ("Schlußlicht") für die TV-Abendschau. Zu dieser Zeit entwickelte Stählin, der sich schon immer gern in alter egos präsentierte, die Bühnenfigur des Dandys, zunächst in Form eines 20-minütigen Dramuletts ("Meyer, der letzte Dandy"), später in abendfüllender Länge (z.B. in "Die Kunst der Herablassung", 1993). Die Rolle der elitären, aus der Zeit gefallenen Figur erlaubte ihm eine zugespitzte, distanzierte Kommentierung von Zeitgeist und Gesellschaft.
Unter dem Titel "Schöner denken – Zeitung für Humor & Mystik" gab Stählin ab 1979 in loser Folge eine Verlagsmitteilung im Format einer kleinen Zeitung heraus, die Werbung mit heiteren redaktionellen Beiträgen vermengte. Zudem betätigte er sich als Produzent und Verleger der Schallplatten seines exil-chilenischen Freundes Jorge Villalón.
1981-89: Kabarettist und Schriftsteller
1981 veröffentlichte Stählin mit "Findelkinder" sein erstes Buch, eine Sammlung von Lyrik und Prosa aus den vergangenen sieben Jahren. Im selben Jahr debütierte er – im Auftrag der Berliner Festspiele – mit seinem ersten kabarettistischen Themenabend, einer kritischen Würdigung Preußens ("Schneeluft im Treibhaus"). In folgenden Programmen setzte sich Stählin immer wieder streitbar und einfühlsam mit seiner Nation auseinander. Ein Ausschnitt aus seinem Programm "Mag denn keiner die Bundesrepublik?" war im Mai 1986 mitverantwortlich für einen breit diskutierten Medienskandal: dem Boykott einer Ausgabe des TV-Satire-Magazins "Scheibenwischer" durch den Bayerischen Rundfunk. Größere Auszüge aus seinem nächsten Programm zur Französischen Revolution, "Sire, es ist Zeit!", wurden 1989 unter dem Titel "Wer köpft die Mehrheit?" vom ZDF gesendet.
Stählins Hinwendung zu kabarettistischen Themenabenden fiel mit einem allgemein nachlassenden (medialen) Interesse am Liedermacher-Genre zusammen. Weiterhin schrieb, sang und veröffentlichte er auch Lieder. Doch aufgrund der Selbsteinschätzung, sein zentrales Talent sei eher das Schreiben als das Singen, forcierte Stählin seine Aktivitäten als Schriftsteller. Schon in den 1970ern hatte er – auch zum Broterwerb – Glossen und Reportagen für regionale Medien, aber auch Kurzgeschichten für Schweizer Jahrbücher verfasst. Ab 1981 fanden seine Texte häufig in die Anthologien des Haffmans-Verlags, der 1986 auch einen ersten Prosaband Stählins herausgab: "Der Dandy und andere". Desweiteren entstanden lange Essays für das Feuilleton, etwa das ZEIT-Magazin oder die Sonntagsbeilagen der Stuttgarter Zeitung und der Süddeutschen Zeitung. Haffmans veröffentlichte 1992 die ersten neun Essays gebündelt als Taschenbuch. Bei NOMEN+OMEN erschienen derweil – neben den Texten der Stählinschen Kabarettprogramme – die ersten Gedichtbände des jungen Lyrikers Martin Betz.
Im Auftrag des Goethe-Instituts unternahm Stählin Konzerttouren nach Frankreich, Griechenland, Skandinavien, Ungarn, Kanada und Indien.
1990-2000: Nachwuchsförderer
Darüber hinaus besann Stählin sich auf die Nachwuchsförderung: Seit 1969 war er auch als Referent für Workshops (z.B. beim Open Ohr Festival in Mainz) gefragt oder organisierte eigene. Als er 1989 für die Berliner Festspiele beim Wettbewerb "Schüler machen Lieder" als Juror fungierte, bestand der Preis aus einem mehrtägigen Poesie-Fortbildungsseminar unter seiner Anleitung in Rendsburg. Dieses erfuhr bei den jugendlichen Teilnehmern ein so begeistertes Echo, dass es fortan zweimal jährlich stattfand und sich schon bald – unter dem Namen "Sago" (nach der zweckentfremdeten Schublade in historischen Küchenbuffets) – als Künstlergruppe verstand.
Stählin, der 1991 mit seiner jungen Familie von Tübingen nach Hechingen umzog, brachte in den 1990ern nur zwei Alben mit neuen Liedern heraus: in ungewohnt gefälliger Instrumentierung auf "Promenade" (1990), dagegen auf dem Album "Auf einem anderen Blatt" (1997) ganz sparsam zur virtuos gezupften Vihuela, die bereits seit den frühen 1980ern zunehmend an die Stelle von Gitarre und Laute getreten war. Mit "Die Kunst der Herablassung" (1993) und "Barbaren" (1998), beide unter der Regie von Mathias Repiscus, brachte Stählin zudem zwei neue Kabarett-Themenprogramme auf die Bühne.
2000-2014: Späte Erfolge
Großen Bühnenerfolg feierte Stählin nochmals mit seinem – von seinem SAGO-Schüler Andreas Thiel inszenierten – Programm "In den Schluchten des Alltags" (2001), in welchem er in einladendem Plauderton sinnliche, minuziös geschilderte Beobachtungen zusammentrug, wobei er sich zwang, zugunsten der Gesamtwirkung auf vordergründige Pointen zu verzichten – mit großem Publikumserfolg. Sogar bei diversen Poetry Slams erwies sich sein feiner Humor als durchaus mehrheitsfähig; 2005 errang er gar – vor einem sehr jungen Publikum – den Sieg in der Darmstädter Dichterschlacht.
Im nächsten Programm, "Giacomo Casanova" (2004, Regie: Fredy Heller), ließ Stählin erneut einen Dandy über Vereinbarkeit von Klassik und Gegenwart und über die Faszination einer zwiespältigen Persönlichkeit sinnieren. In "Deutschland. Wir bitten um Ihr Verständnis." (2008) zeigte sich Stählin bei zurückgenommener ironischer Schärfe einmal mehr als nachdenklicher Patriot, während "Wunderpunkte" (2009, Regie: Dominique Thommy) das Konzept der "Schluchten des Alltags" fortsetzte.
2006 veröffentlichte Stählin auf der CD "Stiller Mann" neue Lieder zur Vihuela, gefolgt 2011 von seinem letzten Studioalbum "Aus freien Stücken"; diesmal bei großem Gastmusiker-Aufgebot, inklusive der Fanfare der Poesie. Weiterhin erschienen seine Essays in den namhaften Feuilletons. Im Auftrag des christlichen Thienemann/Gabriel-Verlags verfasste er desweiteren fünf Nachdichtungen englischer Kinder-Bilderbücher. 2013 erhielt Stählin den Deutschen Kleinkunst-Ehrenpreis für sein Lebenswerk, 2014 präsentierte er "Das Beste aus 40 Jahren" auf diversen Kleinkunstbühnen.
2015: Tod, postume Würdigung & Nachwirkung
Am 9. September 2015 verstarb Christof Stählin 73-jährig an einem Hirntumor. Postum wurde ihm 2016 der Kleinkunstpreis des Landes Baden-Württemberg verliehen. Seine SAGO-Liederschule wird erfolgreich von jüngeren Kollegen weitergeführt. 2017 gründete sich als gemeinnütziger Verein die Christof-Stählin-Gesellschaft, die sich u.a. der Archivierung und Herausgabe seines künstlerischen Nachlasses widmet. Seit 2022 erscheinen in unregelmäßigen Abständen Neu- und Wiederveröffentlichungen, darunter ein Tribute-Album mit Beiträgen prominenter Weggefährten.
